„Über bröselnde Gipfel und schwindende Gletscher“

Bergsteigen in Zeiten des Klimawandels – oder eine Hochtour durch die Stubaier Alpen

Mehrtägige Gemeinschaftstouren von Mitgliedern der Hochtourengruppe der Sektion sind seit Jahren fester Bestandteil unserer gemeinsamen Aktivitäten. Nachdem es uns in den letzten Jahren in die Ötztaler Alpen gezogen hatte, waren dieses Mal die Stubaier Alpen unser Ziel. Deren Beschreibung durch Walter Kier im Alpenvereinsführer als ein „Paradies für Bergsteiger“, das man am besten auf großen Durchquerungen über Gipfel und Gletscher erkunde, ließ uns nicht lange zögern und so starteten wir zunächst mit drei Mann, Eberhard Evertz, Peter Kaufmann, Wolfhard Schwarz, am Samstag dem 12.08. um 02:15 Uhr von unserem Treffpunkt in Solingen, um Stunden später in Stuttgart noch den Vierten im Bunde, Fred Bühler, aufzunehmen. Zur Mittagszeit erreichten wir Falbeson im Hinteren Stubaital, den Ausgangspunkt für unsere Tour.

Nach der überwiegend verregneten Anfahrt schien sich bei unserer Ankunft im Stubaital die günstige Prognose des DAV-Wetterberichts für diesen Tag zu bewahrheiten. Doch setzte wenige Minuten nachdem wir unserem Aufstieg zur Neuen Regensburger Hütte begonnen hatten, konstanter Nieselregen ein. Steter Tropfen höhlt den Stein und so waren wir froh, nach 3 Std. und gut 1000 Höhenmetern die trockene und geheizte Hütte zu erreichen, wo wir bei guter Verpflegung und guten Wetteraussichten für die nächsten Tage zufrieden in unsere Betten sanken.

Am Gipfelkreuz des Zuckerhütls, Stubaier Alpen (Foto F. Bühler)

Der nächste Tag zeigte uns dann in aller Deutlichkeit, was Bergwandern und –steigen in Zeiten des Klimawandels bedeutet! Unser Weg führte uns von der Neuen Regensburger Hütte in südwestlicher Richtung über das „Grawagrubennieder“, eigentlich ein unschwieriger Jochübergang auf ca. 2.900 m, doch die massiven Regenfälle und Unwetter Anfang August hatten den drahtseilversicherten Aufstieg weggerissen. So fanden wir uns in einer Schuttrinne wieder, die wir nicht umgehen konnten, die aber auch kaum greifbaren Halt bot und wegen des abnehmenden Permafrosts bei jedem Schritt unter einem wegbröselte. Eine Erfahrung, die wir auf unserer Tour leider noch häufiger machen mussten! Da wir für diese Passage deutlich länger brauchten als veranschlagt, nahmen wir von unserem ursprünglichen, ambitionierten Tagesziel (Amberger Hütte) Abstand und waren froh, auf der Dresdner Hütte unterkommen zu können. Wobei „Hütte“ eigentlich der falsche Begriff ist, Berghotel trifft es besser. Aufgrund ihrer Lage im oberen Fernautal und ihrer Liftanbindung von der Mutterbergalm gaben sich hier Bergsteiger, Wanderer auf dem Stubaier Höhenweg aber auch Tagestouristen und Spaziergänger ein Stelldichein. Entsprechend gut besucht war nicht nur die Außengastronomie.

Der nächste Tag führte uns dann in nordwestlicher Richtung über den Hinteren Daunkopf (3.225 m) in einer luftigen Gratkraxelei ins Sulztal zur Amberger Hütte. Auch hier war es entsprechend voll, da die benachbarte Sulzenauhütte wegen massiver Unwetterschäden (!) kurzfristig geschlossen war und viele Wanderer auf andere Quartiere ausweichen mussten.

Über den Sulztalferner, Stubaier Alpen (Foto F. Bühler)

Nach einem etwas hektisch geratenen Frühstück, bei dem alle Gäste in der „Frühstücksecke“ umeinander wuselten, verließen wir die Amberger Hütte durch das Sulztal in südlicher Richtung und querten den Sulztalferner in west-östlicher Richtung zum Daunjoch. Während die eigentliche Gletscherquerung unschwierig verlief, stellte uns der Aufstieg vom Gletscher aufs Daunjoch erneut vor klimabedingte Probleme: den früher in einer Rinne mittig verlaufenden Aufstiegspfad gab es nicht mehr, stattdessen bröseliger Untergrund, wohin wir auch traten. Auch die Seitenränder waren heikel; kein beherzter Griff bot Halt, jeder Schritt barg die Gefahr neuen Schutt in die Rinne zu befördern; und so tänzelten und balancierten wir – Prima Ballerinas in Bergstiefeln nicht unähnlich – zum oberen Rand dieses Gebrösels. Nach erneuter Rückkehr zur Dresdner Hütte ließ sich unser Frust über die schlechten Bedingungen mit einem zünftigen Bier herunter spülen und die Aussicht auf eine warme Dusche stimmte uns fast schon wieder versöhnlich. Aber ein Restgrummeln blieb und das erhielt am folgenden Tag neue Nahrung.

Der Aufstieg von der Dresdner Hütte in südwestlicher Richtung über Eisgrat, Eichjoch und die traurigen, teils abgedeckten Reste des Schaufelferners zeigten uns erneut, wie schnell das Abtauen der Gletscher aktuell voranschreitet. Wo wir selbst noch vor drei Jahren auf unserer Runde von der Hochstubaihütte über den Windacher Ferner kommend am Eisjoch Selbiges vorfanden, erstreckt sich heute nur noch Geröll und Schotter. Da entschädigte auch der Blick von der Schaufelspitze (3.333 m) nicht, im Gegenteil, der zeigte uns nur die Misere in ihrer gesamten Dimension.

Zuckerhütl, Stubaier Alpen (Foto E. Evertz)

Über die kargen Reste des Gaiskarferners stiegen wir in südöstlicher Richtung zur Hildesheimer Hütte ab, unserem Quartier und Ausgangspunkt für unsere „Königsetappe“ am nächsten Tag, die uns über den Pfaffenferner, das Pfaffenjoch und den Pfaffensattel aufs Zuckerhütl, mit 3.505 m der höchste Gipfel der Stubaier Alpen, und von dort über den Wilden Pfaff (3.458 m) und den Übeltalferner zum Becherhaus (3.190 m) führen sollte.

Früh gestartet und bei guten Witterungsbedingungen erreichten wir den Gipfelaufbau des Zuckerhütls, um von dort die letzten Meter zum Gipfel in Angriff zu nehmen.

Genauso überrascht wie über die abnehmenden Eismassen der Gletscher war ich, als ich beim Abstieg ganz deutlich meinen Namen hörte und plötzlich Stefan Mertens, Fachübungsleiter Bergsteigen der Sektion, mit seinem Sohn Dennis vor mir stand, die vom Becherhaus kommend, Zuckerhütl und Wilden Paff als Tagesziel ausgewählt hatten. Ja, die Welt ist klein, und wo trifft man sich – am Berg! Nach kurzem „Hallo“ stand für uns noch die Überschreitung des Wilden Pfaff an, mit Firn und Blockwerk im Aufstieg und Gratkletterei im Abstieg. Dabei erwies sich der Übertritt vom Grat auf den Übeltalferner wegen der brüchigen und Eis durchsetzten Geländestruktur zum Schluss noch einmal als besonders tückisch.

Auf die dann anstehende Querung des Übeltalferners in östlicher Richtung mit dem Becherhaus vor Augen, hatte ich mich besonders gefreut. In meiner Erinnerung hatte ich das Bild einer durchgängig vergletscherten Fläche umrahmt von Sonklarspitze, Wilder Pfaff und Wildem Freiger vor Augen und auf dem Becherfelsen kühn hervorragend, das Becherhaus. Das Bild hat sich grundlegend geändert. Heute thront das Becherhaus über einer schmutzig wirkenden, grau-schwarz überzogenen Masse an Resteis, mit immer größeren Löchern, in denen der darunterliegende Fels sichtbar wird. Den mit Eisen, Krampen und Leitern versehenen Zustieg vom Übeltalferner über die Becherscharte gab es in meiner Erinnerung ebenso wenig wie den heutigen „Normalweg“ zum Wilden Freiger – drahtseilversichert über den Grat – ohne den Gletscher zu betreten!

Dermaßen abgefüllt mit desillusionierenden Eindrücken machte es uns dann auch nichts mehr aus, dass das Wetter am nächsten Tag umschlug und uns zunächst zäher Nebel auf unserem langen Abstieg vom Becherhaus über den Wilden Freiger und die Nürnberger Hütte zurück ins Stubaital einhüllte. Der Nebel löste sich im Tagesverlauf auf, es blieb trocken und so konnten wir in der Sonne sitzend auf das erfolgreiche Ende unserer Tour anstoßen. Frisch geduscht und gekleidet haben wir unsere Erlebnisse und Erfahrungen bei einem leckeren Abendessen noch lebhaft diskutiert bevor es am nächsten Morgen für die meisten zurück in die Heimat ging.

Was bleibt nach solch einer Tour? – Die Erinnerung an eine tolle Zeit mit viel Spaß, viel guter Laune und guten Gesprächen in unserer „Männerrunde“. Vielen Dank dafür an Fred, Eberhard und Peter, aber auch einige Fragen! Kann man Hochtouren demnächst nur noch in den Westalpen unternehmen? Müssen wir unsere bergsteigerischen Aktivitäten in den kommenden Jahren deutlich früher starten, etwa bereits Anfang Juni? – Aber was nutzt eine gute und umsichtige Planung, wenn einem plötzlich der „Berg entgegenkommt“ wie kürzlich in Bondo im Bergell?

Die Bedingungen des Bergsteigens (nicht nur in den Zentralalpen) ändern sich gerade massiv – und wir müssen es auch!

Ein nachdenklicher Wolfhard Schwarz

Becherhaus, Stubaier Alpen (Foto E. Evertz)