„Gurgler Runde“ und Wildspitze (14.-21.08.16)

Langtalereckhütte (Foto P. Kaufmann)

Teilnehmer: Wolfhard Schwarz, Eberhard Evertz, Dr. Christian Honert, Lutz-Peter Kaufmann

Nach der „Venter Runde“ im vergangenen Jahr wollten wir vier dieses Jahr mit der berüchtigten „Gurgler Runde“ unseren bisherigen Touren durch die Ötztaler Alpen eine weitere anspruchsvolle Tour hinzufügen, zumal wir den eigentlichen Höhepunkt der letztjährigen Tour – die Besteigung der Ötztaler Wildspitze, des höchsten Berges der Ötztaler Alpen – aufgrund widriger Wetterbedingungen verpasst hatten. Grund genug also, es dieses Jahr erneut zu versuchen. Gesagt, getan. Wie im letzten Jahr ging es wieder mitten in der Nacht um 2:30 Uhr zu Christian nach Buchholz im Westerwald, wo wir in ein geräumigeres Fahrzeug umstiegen und nach kurzer Unterbrechung und einem Wachmacher in Form eines Espressos die Fahrt gen Süden fortsetzten. Die Fahrt verlief weitgehend reibungslos und ohne größere Unterbrechungen. Der Vorteil, wenn man am Wochenende fährt: Man hat weniger Probleme mit dem Schwerlastverkehr. Wir erreichten um die Mittagszeit, also gut im Zeitplan, Obergurgl. Gleich nach der Ankunft stellte sich uns die Frage: Wohin mit dem Auto? Auf unsere Frage, wo wir denn für mehrere Tage den Wagen stehen lassen könnten, ernteten wir von den Einheimischen nur Kommentare wie „Schwierig“ oder Kopfschütteln. Letztlich haben Wolfhard und Eberhard dann aber doch einen etwas abgelegenen Parkplatz für unser Auto gefunden und nachdem wir unsere Ausrüstung zusammengepackt hatten und uns reisefertig gemacht hatten, konnte es losgehen. Unsere erste Etappe sollte uns gleich von Österreich nach Italien zur Zwickauer Hütte führen. Ohne auch nur im geringsten zu ahnen, was uns bei der Grenzüberschreitung bevorstand, machten wir uns auf den Weg. Gemütlich ging es zunächst mit der Seilbahn auf die Hohe Mut in 2.640 m Höhe – ein bei Tagestouristen beliebtes Ausflugziel, wo wir mit zünftiger Blasmusik empfangen wurden. Wir machten uns schnell auf den Weg in Richtung Rotmoosjoch und ließen bald die Tagestouristen und die Musik hinter uns. Je näher wir uns dem Gletscher näherten, desto unwegsamer wurde das Gelände. Schließlich erreichten wir den Gletscher und es hieß zum ersten Mal „Aufrödeln“: Hüftgurt und Steigeisen anlegen, Eispickel in die Hand und ins Seil einbinden. Dann konnte es losgehen. Das Rotmoosjoch in etwas über 3.000m Höhe sah von hier aus eigentlich ganz harmlos los aus. (wie so oft). Aber auf was wir uns eingelassen hatten, merkten wir erst, als wir knapp unterhalb des Jochs angekommen waren. Das Gelände wurde steiler, der Firn weicher und das Eis brüchiger. Dummerweise gibt es zwei Wege über das Joch: einen mit und einen ohne Sicherungen, (was wir aber leider zu spät bemerkten). Wir wählten den ungesicherten Übergang, mussten aber nach einigen vergeblichen Versuchen das Unternehmen abbrechen, weil das Gelände kaum passierbar war. Wir querten in der Firnflanke zu dem anderen Weg und konnten hier mit eigener Sicherung und größerer Anstrengung das Joch überqueren. Diese Überquerung hat einige von uns Nerven und Kraft gekostet. Von hier zur Zwickauer Hütte war es glücklicherweise nicht mehr sehr weit und wir wurden hier vom barmherzigen Hüttenwirt mit einem Schnaps empfangen, den wir dankbar tranken. Wie wir später erfuhren, waren wir an diesem Tag die Ersten, die die Mühen des Weges auf sich genommen hatten. In der Zwickauer Hütte haben wir uns dann bei gewohnt guter Südtiroler Gastronomie von den Strapazen der ersten Etappe erholt. Am nächsten Tag sollte es wieder zurück nach Östereich gehen. Es stand die Überschreitung des hinteren Seelenkogels an mit anschließendem Abstieg über den Seelenferner zur Langtalereckhütte an. Nachdem auch der letzte von uns den Gipfel erreicht hatte (ich) und wir uns nach kurzer Zeit am Gipfel wieder für die Gletscherüberschreitung vorbereiteten, vernahmen wir ein unüberhörbares und an dieser Stelle unerwartetes, aber nicht gänzlich unvertrautes Schimpfwort. Es war Wolfhard, dem just in diesem Augenblick, als wir uns anschickten, die Steigeisen anzulegen, feststellte, dass seine Steigeisen nicht mehr in seinem Rucksack waren. Auch nach mehrmaligem Durchsuchen des Rucksacks tauchten diese nicht auf. Die einzig logische Schlussfolgerung war: Sie mussten sich noch auf der Zwickauer Hütte befinden, von der wir an diesem Morgen gemeinsam aufgestiegen waren. Da half nichts und Wolfhard musste in den sauren Apfel beißen, d.h. zurück zur Zwickauer Hütte absteigen in der Hoffnung, dass die Steigeisen auch wirklich da waren. Also machte er sich (diesmal ohne Gepäck) auf den Weg und da er von uns vieren der schnellste war, dauerte es dann doch nicht übermäßig lange, bis er (mit Steigeisen) wieder zurück kam und wir dann den Weg über den Seelenkogel zur Langtalereckhütte fortsetzen konnten. Der dritte Tag sollte der längste Tag werden. Das war uns schon bei der Planung der Tour bewusst, nachdem wir erfuhren, dass die eigentlich vorgesehene Übernachtung im Hochwildehaus nicht möglich war, weil das Hochwildehaus wegen Baufälligkeit auf unabsehbare Zeit geschlossen war (und möglicherweise überhaupt nicht mehr geöffnet wird). Die ohnehin schon lange Etappe wurde dadurch noch einmal um ca. 1,5 h Stunden länger, weil wir nun wieder zur Langtalereckhütte zurückkehren mussten. Nun, angesichts der zu erwartenden Strapazen berief ich für den Vorabend den „Ältestenrat“ ein und teilte mit, dass ich mir diese Etappe nach den Strapazen der ersten beiden Tourentage nicht zumuten wollte. (Im Nachhinein habe ich das schon bereut, da die Etappe doch vom alpinistischen Standpunkt einiges zu bieten hatte und es die Mühe wertgewesen wäre.) So aber blieb ich an diesem Tag nach dem gemeinsamen Frühstück auf der Hütte und ließ die drei Kameraden ohne mich in Richtung Hohe Wilde ziehen.

Überschreitung der Hochwilde-Gipfel (Foto E. Evertz)

Die Verhältnisse auf dem Längentaler Ferner waren morgens in der Früh gut; der Firn noch hart gefroren und die Drei kamen gut voran. Im oberen Teil des Gletschers machte jeder von ihnen Bekanntschaft mit einer Gletscherspalte, aber alle kamen mit heiler Haut davon. Beim Übergang von der südlichen zur nördlichen Hochwilde war der Sicherungsdraht auf einer Länge von mehreren Metern hinüber, so dass diese Passage von einem der drei frei geklettert werden musste. Kein leichtes Unterfangen! Aber Wolfhard hat’s dann irgendwann geschafft und sicherte die beiden Nachsteigenden. Das war wohl die größte Hürde auf der ganzen Etappe. Nach der erfolgreichen Überschreitung beider Gipfel stand dann aber noch der mehrstündige Abstieg über den Gurgler Ferner zur Langtalereck-Hütte an.

Abstieg über den Gurgler Ferner (Hintergrund: Hochwilde) (Foto C. Honert)

Ich konnte es den dreien nach ihrer Rückkehr ansehen: Die Tour hatte Kraft gekostet. Am nächsten Tag wollten wir eigentlich zum Schalfkogel aufsteigen, aber die Wetterprognosen waren nicht gut und der Hüttenwirt auf der Langtalereck-Hütte hatte von einer Besteigung der Schalfkogels am Vorabend noch abgeraten. Für uns hieß das: Erst einmal ausschlafen und spät frühstücken und dann ganz gemütlich rüber zum Ramolhaus gehen. Das Wetter am Morgen war dann aber doch besser als die Prognose vom Vortag und einer Besteigung des Schalfkogels hätte nichts im Wege gestanden. Für uns war es dafür aber jetzt zu spät und so machten wir uns auf den Weg zum Ramolhaus: Es war keine große Anstrengung und angesichts der Strapazen vom Vortag für alle ein willkommener „Ruhetag“, den wir zusammen gemütlich bei Speis und Trank ausklingen ließen. Etwas mehr als 400 Höhenmeter gilt es zu bewältigen, wenn man vom Ramolhaus auf 3.006 m Höhe den nördlichen Ramolkogel, die Anichspitze, auf 3.428 m besteigen will. Dieser Gipfel war am 5. Tag der „Gurgler Runde“ unser Ziel. Vom Ramolhaus ist diese Gipfeltour mit überschaubarem Zeitaufwand zu schafffen; also für uns naheliegend, da wir noch am selben Tag nach Obergurgl absteigen und mit dem Auto nach Vent fahren wollten. Dort hatten wir in der Pension „Eberhard“ wie im letzten Jahr unser Nachtquartier gebucht. Der Anstieg zum nördlichen Ramolkogel bereitete uns weder technisch noch konditionell besondere Schwierigkeiten; bei guten Wetterbedingungen stiegen wir zeitig durch Firn, Eis und Geröllfelder auf, ließen unsere Ausrüstung auf dem Gletscher unterhalb des Gipfels zurück und kraxelten die letzten Höhenmeter zum Gipfel. Von hier aus hatten wir einen überwältigenden Blick über Gurgler und Längentaler Ferner in Richtung der beiden Hochwildegipfel. Wir wollten nicht zu viel Zeit am Gipfel verbringen: Es lagen noch über 1.500 m Abstieg nach Obergurgl vor uns. In Obergurgl fanden wir das Auto rasch wieder und – Gott sei Dank – war es nicht abgeschleppt worden. Nachdem wir uns un unsere Ausrüstung verstaut hatten, machten wir uns auf den Weg nach Vent. Alle freuten sich auf eine warme Dusche in der Pension Eberhard und ein leckeres Abendessen mit reichlich „Altem Obst“ im Restaurant des Hotels „Alt Vent“, das uns noch vom Vorjahr in guter Erinnerung war. Am nächsten Morgen, es war Freitag und der vorletzte Tag unserer Runde, fuhren wir mit dem Sessellift zur Liftstation „Stablein“, um von dort weiter zur Breslauer Hütte aufzusteigen, dem Ausgangspunkt der Gipfeltour auf die Ötztaler Wildspitze, die wir im vergangenen Jahr ja aus Witterungsgründen vorzeitig abbrechen mussten. Nun waren wir bereits um halb zehn an der Hütte und es stellte sich die Frage, ob wir wirklich den ganzen Tag auf der Hütte verbringen sollten. Angesichts der unklaren Wetterprognosen für das Wochenende reifte bereits am Vorabend bei einigen die Idee, schon am Freitag einen ersten Gipfelversuch zu unternehmen. Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges wäre somit auf jeden Fall größer. Wir machten uns also zu viert schon am Freitag auf den Weg, wurden aber bereits nach kaum einer Stunde von einsetzendem Regen überrascht. Bei keinem von uns bestand große Lust, bei derart widrigen Verhältnissen die Tour fortzusetzen und so kehrten wir wieder zur Hütte zurück und schlugen die Zeit bis zum Abendessen tot und warteten unterdessen auf einen weiteren Gipfelaspiranten, Frank, ebenfalls DAV-Sektion Solingen, der bereits zuvor sein Interesse an einer Besteigung der Wildspitze bekundet hatte und am Freitag zu uns stoßen wollte. Er traf dann auch noch rechtzeitig vor dem Abendessen ein. Nach dem Essen verzogen wir uns früh in unser Bettenlager, da es galt, am nächsten Morgen frühzeitig aus den Federn zu kommen und aufzubrechen. Die Anzahl der Hüttengäste am Vorabend ließ vermuten, dass wir am nächsten Morgen beim Aufstieg nicht allein sein würden. Wir hatten verabredet, um 6 Uhr in der Früh von der Hütte aufzubrechen. Bis dahin mussten wir gefrühstückt haben, unsere Ausrüstung zusammen gepackt haben und unser Nachtquartier aufgeräumt haben (Zähne putzen mussten wir ausnahmsweise nicht – Dr. dent Christian erteilte uns Dispens). Aufbrechen konnten wir erst um 20 Minuten nach 6 – es herrschte großes Gedränge in der Hütte und nicht alle schafften es, rechtzeitig fertig zu werden. In der morgentlichen Dämmerung verließen wir die Hütte – es war schon hell genug, um auf Stirnlampen verzichten zu können und die Anzeichen versprachen gutes Wetter. Wir kamen zügig voran und überholten eine größere Gruppe, bevor wir über den Mitterkarferner zum Mitterkarjoch aufstiegen. Das Mitterkarjoch ist eine mit Sicherungsmitteln versehene Felspassage, bei der man viel Zeit verlieren kann, wenn viele Bergsteiger zur gleichen Zeit dadurch wollen. (Alle diejenigen, die Krakauers „In eisigen Höhen“ gelesen haben, kennen ähnliche Berichte vom Hillary-Step an der Süd-Route zum Everest.) Nun, bei uns bestand weder die Gefahr, dass uns der Sauerstoff ausging noch dass wir jämmerlich erfroren, aber wir hatten trotzdem keine Lust, am Einstieg zum Klettersteig viel Zeit zu verlieren. Und deshalb beeilten wir uns und kamen auch ohne große Verzögerung durch das Joch. Jenseits des des Jochs, auf dem Taschachferner, hieß es dann wieder „Steigeisen anziehen“ und ins Seil einbinden. Unsere Seilschaft war durch Frank inzwischen auf fünf angewachsen; die Verhältnisse am frühen Morgen hätten nicht besser sein können. Strahlend blauer Himmel mit vereinzelten Wolken – perfektes Wetter für den Gipfelsturm. Auf dem Gletscher herrschte wenig Verkehr – das sollte sich erst am Übergang zum Gipfelgrat ändern. Hier waren doch schon bedeutend mehr BergsteigerInnen versammelt. Einige kamen wohl gerade vom Gipfel; andere hatten den Anstieg offenbar noch vor sich. Wir verloren nicht viel Zeit – es galt noch etwa 150 Höhenmeter über den Südwestgrat zu bewältigen.

…auf der Wildspitze (Foto/Kamera Lutz-Peter Kaufmann)

Am Gipfel war es erwartungsgemäß etwas überlaufen, aber das beeindruckende Panorama über die Ötztaler Alpen und das bei bestem Wetter entschädigte für die vergleichsweise geringen Mühen des Aufstiegs. Nach 20 Minuten stiegen wir wieder ab. Auf dem Gletscher verzichteten wir nach Absprache in einer Seilschaft zu gehen – das Risiko schien uns gering – und so konnten wir beim Abstieg über den Taschachferner noch einmal richtig Gas geben. Auch im Mitterkarjoch und auf dem Mitterkarferner kamen wir beim Abstieg gut voran und erreichten am späten Vormittag wieder die Breslauer Hütte, auf der wir kurz pausierten, bevor wir uns wieder auf den Weg hinab ins Tal nach Vent machten. Das Wetter hatte sich, wie es die Prognosen vorhersagten, zum Nachmittag hin wieder verschlechtert und wir waren kaum eine halbe Stunde wieder in Vent, als der Himmel alle Schleusen öffnete und es in Strömen zu regnen begann. Das konnte uns aber nicht mehr erschüttern: Wir hatten unser Erfolgserlebnis mit der erfolgreichen Besteigung der Wildspitze und freuten uns schon wieder auf den gemeinsamen Ausklang im Hotel „Alt Vent“ – wiederum mit allen möglichen Sorten von „Altem Obst“. Am nächsten Morgen hieß es nach einem gemütlichen Frühstück in der Pension „Eberhard“ Abschied nehmen von Vent und der Famile Fimml. Während unserer Tour hatten wir es mit dem Wetter gut getroffen. Jetzt drückte sich eine dichte, graue Wolkendecke ins Venter Tal und zeitweise regnete es. Eine gelungene Tour mit einem trüben Ende. Wir müssen da noch mal hin: Wir stehen bei „Micki“, unserem persönlichen Kellner vom „Alt Vent“ im Wort, dass wir wiederkommen werden und außerdem gibt es da noch die Weisskugel, der zweithöchste Berg in den Ötztaler Alpen. Den müssen wir auch noch machen und außerdem den Schalfkogel, der dieses Jahr auf der Strecke blieb. Also Jungs, lasst uns für schon fürs nächste Jahr die Tour planen.

Lutz-Peter Kaufmann