„Brandenburger Haus und Kesselwandferner“ (18.-25.08.18)

Foto: A. Robota

Am Samstag, den 18.08. war die Nacht früh zu Ende – bereits 2:15 Uhr traf sich die Solinger Fraktion der Tourengruppe bei Wolfhard in Aufderhöhe. Ins Auto stiegen Wolfhard, Eberhard, Peter und Arnim. Hinter Frankfurt stießen dann in einem weiteren Auto Andreas und Christian mit dazu. Die Fahrt ins Bergsteigerdorf Vent verlief zügig und ohne Stau, so dass wir bereits gegen 12:00 Uhr unsere Autos auf dem Parkplatz abstellen und die Rucksäcke marschfertig machen konnten. Mit dabei in Eberhards Rucksack ein gefühlter Zentner Äpfel frisch gepflückt aus seinem Garten. Über Rofen ging es in Richtung Hochjochhospiz (2.413 m) zur ersten Übernachtung. Unterwegs setzte dann allerdings doch Regen ein, den wir durch eine Pause im Häuschen einer Materialbahn überbrückten. Nachdem der Regen etwas abgeklungen war, gestaltete sich der weitere Marsch problemlos. Am nächsten Morgen ging es kurz nach 6 Uhr weiter: Aufstieg zum Brandenburger Haus. Unterwegs stand ein Schild am Wegesrand, welches die weiteste Ausbreitung des Kesselwandferners im Jahr 1850 markierte. Da waren es aber noch ca. 1 h und etliche Höhenmeter bis zum heutigen Gletscherende zu gehen! Nach ca. 2 h hatten wir den Gletscherrand erreicht und konnten mit dem Anlegen der Steigeisen beginnen. Donnernd grüßte uns der Gletscher mit mehreren Steinschlaglawinen von der gegenüberliegenden Seite der Gletscherzunge. Der Zuweg zum Brandenburger Haus über den Kesselwandferner gestaltete sich eher unproblematisch, weil der Gletscher kaum von Firn überdeckt war und die Spalten gut sichtbar waren. An der Hütte angekommen, machten wir Pause auf der sonnenüberfluteten Terrasse und nach einem ersten Radler oder Bier wurden die Zimmer bezogen. Weil es noch recht früh am Tag war, wollten wir die Gelegenheit für eine kurze Tour zum Einlaufen in Richtung „Zinne“- einem gut 3.000 Meter hohen Felsriegel inmitten des Kesselwandferners nutzen. Hier machten wir dann das erste Mal mit den schwierigen Verhältnissen auf dem Gletscher Bekanntschaft, die uns auch in den folgenden Tagen begleiteten. Der eingeschlagene Weg in Richtung Südosten führte uns über alten Firnschnee, der auf Grund relativ hohen Temperaturen sehr weich war, aber andererseits vorhandene Spalten überdecken konnte. So mussten wir uns teilweise über tückisches Gelände tasten, was das Marschtempo natürlich stark drosselte. Da man mit jedem Schritt in den aufgeweichten Firn einsank, gestaltete sich das Gehen als anstrengend. Unter diesen Verhältnissen war das Erreichen des Zieles nicht mehr realistisch, so dass wir zur Hütte umkehrten. Der Montag sollte unser erster Hochtourentag werden. Im Plan stand die Überschreitung von Vorderer-, Mittlerer- und Hinterer Hintereisspitze. Auch über Nacht hatte es keinen Frost gegeben, aber der Aufstieg in Richtung der Vorderen Hintereisspitze ließ sich gut an. Dort angekommen zeigt sich allerdings, dass die vorliegende Tourenbeschreibung nur wenig Wert aufwies. Durch den Gletscherrückgang war der Einstiegspunkt deutlich tiefer als beschrieben und das bedeutete mehr Felskletterei über den extrem brüchigen Fels als vorgesehen war. Am weitesten wagten sich Wolfhard und Andreas vor, um dann auf Grund der widrigen Bedingungen den Aufstieg abzubrechen. Als Alternative bot sich der Aufstieg auf den namenlosen Zwischengipfel zwischen Vorderer- und Mittlerer Hintereisspitze an, den wir dann auch gemeinsam mit einem nur kurzen seilgesichertem Abschnitt angingen. Von hier aus hatten wir einen grandiosen Blick auf Hintereisferner und Weißkugel zum Südwesten und über den Gepatschferner zur Weisseespitze nach Nordwesten. Für den Rückweg hatten wir geplant unterhalb der Hintereisspitzen zu bleiben und ggf. mögliche Aufstiegsrouten für die Folgetage zu erkunden und oberhalb der „Zinne“ in Richtung Brandenburger Haus zu drehen. Diese Wegführung erwies sich allerdings bald als nicht gangbar. Zusätzlich zu mittlerweile tiefem Altfirn gerieten wir in spaltenreiches Gelände. Der Mannschaftszug, um Wolfhard als Führenden der Seilschaft aus einer Spalte zu ziehen, war jedenfalls nicht geplant. Da in diesem Gelände kein gefahrloses Vorgehen möglich war, blieb uns nur der Rückweg über den gleichen Weg. Am Brandenburger Haus angekommen, machte der Aufstieg von 80m vom Gletscher zur Hütte die Strapazen komplett. Im Baujahr der Hütte im Jahr 1908 lag der Eingang zum Brandenburger Haus noch fast auf Gletscherniveau. Für den Dienstag war im Tourenplan eigentlich die Weißkugel über den Richterweg geplant. Die Erfahrungen des Vortages hatten uns allerdings deutlich demonstriert, dass die eingeplanten 7,5h unter den gegebenen Bedingung nicht realistisch sind. Am Vorabend hatten wir uns deshalb darauf verständigt die Weißseespitze (3.510 m) anzugehen. 6:00 Uhr in der Frühe standen wir abmarschbereit auf der Terrasse bereit, die mit einer leichten Eisschicht bedeckt war. Es hatte tatsächlich Minustemperaturen über Nacht gegeben. Das sollte den Hinweg zur Weißseespitze deutlich erleichtern. Nebenher hatten wir grandioses Wetter mit wolkenlosem Himmel und Sonne pur. Gegen 10:00 Uhr waren wir bereit für die Gipfelfotos, bei denen uns eine DAV-Gruppe aus Hof mit einem Gruppenfoto unterstützte. Die Sichtverhältnisse waren hervorragend und im Süden konnte sogar der Reschensee erkannt werden. Nach dem Genuss unserer Brote und Eberhards Äpfeln konnten wir uns gutgelaunt auf den Rückweg begeben, der dann allerdings wegen der mittlerweile deutlichen Plusgrade anstrengender war, aber ohne Zwischenfälle verlief. Über die gesamte Woche war der Dienstag dann auch der Tag mit den besten Wetterverhältnissen. Mittwoch war bei trockenem Wetter, aber bedeckten Himmel der Fluchtkogel angesagt. Eberhard hatte sich eine Auszeit genommen, so dass wir als Fünferseilschaft bis an den Fuß des Berges gelangten. Dort hatten wir für den Aufstieg zwei Alternativen zur Auswahl. Die erste, kletternd über den felsigen Grat zum Gipfel zu gelangen, mussten wir auf Grund des extrem brüchigen Gesteins bald verwerfen. Blieb also der Weg über den Ferner bis kurz unter den Gipfel mit Steigungen bis zu 45°, die wir bewusst ohne Seilversicherung angingen. Da der Firn aber gut begehbar war, kamen Arnim, Christian, Peter und Wolfhard wohlbehalten am Gipfelkreuz bei 3.500 m Höhe an. Der Rückweg verlief ohne Probleme, so dass ein paar Interessenten mittags noch die Möglichkeit hatten die Dahmannspitze (3.397 m), den Hausberg des Brandenburger Hauses zu erklimmen. In der Prognose für das Wochenende wurde ab Freitag schlechtes Wetter angesagt, so dass absehbar war, dass der Donnerstag unser letzter Hochtourentag sein würde. Wolfhard hatte die Tour zur Hochvernaglwand (3.435 m) vorgeschlagen, die wir dann auch wieder früh 6:00 Uhr in Angriff nahmen. Die letzten Meter bis zur Spitze auf lose aufliegenden Plattengestein trauten sich dann allerdings nur nach Christian und Wolfhard zu, der Rest der Gruppe genoss den Ausblick in Richtung Schnalstal und ein Picknick auf einem Sattel kurz unterhalb. Nachmittags konnten wir nach unserer Rückkehr auf – und bei dann einsetzendem Regen – in der Hütte relaxen. Der Rest ist schnell erzählt: Am Freitag sollte es bis 15:00 Uhr noch trocken bleiben, so dass wir uns früh von der Pächterin des Brandenburger Hauses, Sophie Scheiber, verabschiedeten und gegen Mittag in der Pension Eberhard in Vent einchecken konnten. Das traditionelle Abschlussessen im Hotel Alt-Vent war dann allerdings noch ein Highlight, bei dem alle nach gutem Essen und etlichen Gläsern „Altes Obst“ zu großer Form aufliefen und wir das Gasthaus erst weit nach Mitternacht verlassen konnten. Auch diese Hochtour bestätigt die bereits an dieser Stelle geschilderten Verhältnisse, dass Gletschertouren im Sommer aufgrund hoher Temperaturen und immer weiter zurückgehender Gletscher immer schwieriger werden. Ältere Tourenbeschreibungen sind kaum noch nachzuvollziehen, weil Bedingungen und auch Einstiegsrouten sich deutlich verändert haben. Der mit der Erwärmung einhergehende Rückgang des Permafrostes in der Höhe führt teilweise zur Auflösung der Gesteine und damit auch zu steigender Steinschlaggefahr. Trotz der Widrigkeiten war auch die diesjährige Hochtour ein grandioses Ereignis, hat uns gefordert und tolle Erlebnisse beschert. Als Gruppe haben wir viel Spaß miteinander gehabt, wobei Christians gefühlt unerschöpfliches Reservoir an Witzen einen großen Anteil hatte. Hervorheben möchte ich aber im Namen aller Teilnehmer einen besonderen Dank an Wolfhard für seinen Einsatz als Organisator, aber auch als Übungsleiter und Scout bei der Suche nach sicheren Wegen durch Firn und Spaltenchaos.

Arnim Robota

Foto: A. Robota